Reichstaler Stadtmilitär

Aus Dreibürgischer Militäralmanach
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Das Reichstaler Stadtmilitär war vom frühen 17. Jahrhundert bis zur Reichseinigung das stehende Heer der Reichsstadt Reichstal.


Geschichte

Reichstal unterhielt bis zur Erhebung zur Reichsstadt keine ständige Truppe von Berufssoldaten. Bei Bedarf wurden für kurze Zeiträume angeworben und in Dienst genommen. Die regulären Aufgaben wie die Bewachung der Stadttore oder die Sicherung der öffentlichen Ordnung wurden von städtischen Bediensteten, meist gehobenen Beamten, oder bewaffneten Bürgerwehren wahrgenommen. Mit dem Ausbau der Stadtbefestigung im Verlauf des 16. Jahrhunderts wurde jedoch die Einrichtung ständiger militärischer Verbände nötig. Die genaue Gründung des Stadtmilitärs lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Erste Erwähnung findet sie 1618 im Reichstaler Stadtbuch.

1788 kam es zum sogenannten Söldneraufstand. Der Bürgermeister, der den anfallenden Sold nicht zahlen wollte oder konnte, musste mit Hilfe der Bürgerwehren Aufstand des Stadtmilitärs niederschlagen. Die beiden ranghöchsten Anführer des Aufstands wurden verurteilt und am Rathausplatz füsiliert. Auch als Reichstal unter Besatzung oder Teil anderer Herrscherhäuser war, wurde das Stadtmilitär weder aufgelöst noch in deren Armee eingegliedert. Erst mit der Reichseinigung hörte das Stadtmilitär auf zu bestehen. Die Truppe offiziell aufgelöst, die Soldaten entlassen und, nach festgestellter Tauglichkeit, zum Teil in die neue Armee übernommen.

Heutzutage nimmt die Stadtgarde der Reichshauptstadt Reichstal militärgeschichtlich die Rolle des Stadtmilitärs ein, da die Stadtmiliz neben dem Schutz der Stadt auch für den Schutz der Stadtoberhäupter und des Klerus verantwortlich war.


Zusammensetzung

Das eigentliche Reichstaler Stadtmilitär war eine reine Infanterietruppe, die sich aus Musketieren zusammensetzte. Später wurde zusätzlich eine Grenadierkompanie sowie eine Geschützbatterie aufgestellt.

Die Bemannung der Geschütze auf den Befestigungswällen gehörte erst mit der Aufstellung der Geschützbatterie zu den Aufgaben des Stadtmilitärs. Vorher waren einzelne Infanteristen zu Artilleristen ausgebildet.

Eine eigene Kavallerie unterhielt die Stadt nicht. Zwar gab es eine Anzahl berittener Ratsdiener, dieses hatten jedoch neben Kurier- und Eskortdiensten gelegentlich noch Ordnungsaufgaben wahrzunehmen. Die Forderung der Stadtkommandanten nach Aufstellung einer Dragoner-, Husaren-, Ulanen- oder Chevaulegereinheit nach dem Vorbild anderer Reichsstädten wurde von den Bürgermeistern nicht befürwortet.


Stärke

Die Stärke des Stadtmilitärs schwankte erheblich. Sie war ausschlaggebend nach der Finanzlage sowie der außen- und innenpolitischer Situation. Zeitweise standen im frühen 18. Jahrhundert nur knapp 300 Soldaten, verteilt auf drei Kompanien, im Dienst der Stadt. Mitte des 19. Jahrunderts stieg die Mannschaftsstärke bis auf etwa 600 Mann in fünf Kompanien an. Danach wurden Stellen von Soldaten, die aus dem Dienst geschieden waren, nicht neu besetzt. 1875 standen nur noch 460 Mann unter Waffen.

Die bewaffnete Truppe wurde ergänzt durch ziviles Verwaltungspersonal und einen Militärchirurgen.

Die personelle Stärke lässt keinerlei Rückschlüsse auf die Kampfkraft und Schlagfertigkeit des Stadtmilitärs zu. Zum Teil hatten einige Soldaten ein hohes Alter aufzuweisen und die deswegen nur bedingt einsatzfähig waren. Im Jahre 1814 waren ca. 32 Soldaten über 70 Jahre alt.


Aufgaben

Die hauptsächliche Aufgabe des Stadtmilitärs war die Überwachung des Warenverkehrs an den Stadttoren, um die Einfuhr verbotener Güter zu unterbinden. Ebenso waren sie für die Annahme der Zollabgaben zuständig. Diese Soldaten unterstanden dem Stadtkämmerer. Zudem nahm das Stadtmilitär polizeiliche Aufgaben wahr, darunter Personenkontrollen um unerwünschten Personen den Zutritt zur Stadt zu verwehren, der Schutz der öffentlichen Ordnung, die Strafverfolgung, die Kontrolle von Ausländern und die Niederschlagung von Unruhen und Aufgaben des Zivilschutzes wie z.B. die Brandbekämpfung.


Uniformierung

Während des 18. und frühen 19. Jahrhunderts waren die Reichstaler Soldaten in Blau und Rot, den Wappenfarben der Stadt, gekleidet. Sie trugen blaue Beinkleider und rote Röcke mit weißen Aufschlägen und gelben Rabatten. Als Kopfbedeckung trugen die anfangs Milizionäre einen schwarzen Dreispitz, Offiziere einen blauen Zweispitz. Später erhielten die Soldaten die Pickelhaube. Die später aufgestellten Geschützartilleristen trugen im Unterschied hierzu grüne Röcke.


Sonstiges

Obwohl es sich beim Reichstaler Stadtmilitär, wie damals üblich, um angeworbene Söldner oder Freiwillige handelte, stammten knapp 25% der Soldaten aus Reichstal selbst.

Eine Pflicht zur Unterbringung in Gemeinschaftsbehausungen wie Kasernen bestand in Reichstal nicht, eben sowenig eine Einquartierung bei den Bewohnern. Vielmehr wurde von den Soldaten erwartet, dass sie eine eigene Wohnung unterhielten. Gerade Offiziere waren oftmals selbst Hausbesitzer. Die Ausrüstung lag im Zeughaus unweit des Hohenburger Tores.